"Wir müssen KI doch im Haus aufbauen — sonst sind wir abhängig." Dieser Satz kommt oft am Anfang von Erstgesprächen mit Maschinenbauern. Zwei Sätze später meistens: "Aber wir finden keine Leute." Und zwei weitere Sätze später: "Und wenn wir welche finden, bezahlen wir 120 000 Euro pro Senior." Die VDMA-Zahlen bestätigen, was man in Chemnitz, Zwickau und Dresden längst weiß: Der Maschinenbau löst KI-Umsetzung fast ausschließlich mit externen Partnern.
Die VDMA-Zahl: 95 Prozent holen sich Hilfe
Der VDMA ist als Verband der deutschen Maschinenbauer eine der belastbarsten Quellen für den Stand der Digitalisierung in der Branche. In zwei Umfragen (2019 und 2021, mit Nachfolge-Panels) haben rund 95 % der Betriebe mit aktivem KI-Projekt angegeben, dass sie dafür externe Unterstützung nutzen. Die Zahl ist seither stabil — und das aus gutem Grund:
- Fachkräftemangel: Senior-KI-Entwickler sind am Arbeitsmarkt praktisch nicht verfügbar — und wenn, dann zu Konzern-Gehältern, die ein 80-Mann-Maschinenbauer nicht darstellen kann.
- Wissensgeschwindigkeit: Die Modell-Landschaft ändert sich halbjährlich. Ein intern aufgebautes Team, das die Architektur für GPT-4 gelernt hat, steht bei Claude 4 und Gemini 2 wieder am Anfang. Partner halten die Kompetenz im Umlauf.
- Projekt-Gradient: Ein Maschinenbauer braucht nach Projektabschluss keine 2-FTE-KI-Abteilung. Er braucht 0,1 FTE Betrieb und bei Bedarf einen Partner, der bei Ausbau hilft.
Die VDMA-Abteilung Software und Digitalisierung mit über 500 Mitgliedern bündelt genau diese Diskussionen: Wie setze ich KI realistisch in einem 50-bis-500-Mitarbeiter-Betrieb ein, ohne dass das Projekt am internen Aufbau scheitert?
Was der Maschinenbau 2025 bewegt
Der VDMA-Leitfaden Machine Learning räumt mit einem Mythos auf: "Künstliche Intelligenz ist keine Zauberei." Die Anwendungsfälle, die der VDMA priorisiert, sind überraschend bodenständig:
- Technischer Vertrieb mit generativen KI-Tools — genau dazu hat der VDMA 2025 ein Event zu generativer KI im technischen Maschinenbau-Vertrieb ausgerichtet. Kernthema: Wie unterstützen Sprachmodelle Vertriebstechniker bei Produkt-Konfiguration, Angebotserstellung und Kundenkommunikation?
- Angebotskalkulation — Automatisierte Erstentwürfe aus Kundenanfragen, oft 5-bis-10-fach schneller als manuell.
- Technische Dokumentation — Wissens-Agenten, die auf Basis interner Handbücher und Konstruktions-Unterlagen Antworten liefern.
- Predictive Maintenance — Sensor-Analyse für Instandhaltungs-Priorisierung.
- Ersatzteil-Identifikation — Visuelle und textuelle Erkennung für schnellen Lieferservice.
Heise hat 2025 berichtet, dass der Maschinenbau explizit junge Ingenieure mit KI-Kompetenz sucht — nicht, um intern eine Entwicklungsabteilung aufzubauen, sondern um die Schnittstelle zu externen Partnern professionell zu gestalten. Genau das ist die richtige Rollenverteilung.
Einordnung für den sächsischen Maschinenbau
Sachsen hat einen der stärksten Maschinenbau-Cluster Deutschlands: Chemnitz mit seiner traditionellen Maschinenbauer-Dichte, Zwickau mit dem Automotive-Zulieferer-Umfeld, Dresden mit Spezial-Maschinenbau für Halbleiter und Photonik, das Vogtland mit Präzisionstechnik. Für diese Betriebe gelten drei Realitäten:
- Die Prozesse sind KI-reif. Angebotskalkulation, Technischer Support, Ausschreibungs-Bearbeitung — all das sind Prozesse, die in Maschinenbauer-Betrieben schon stark strukturiert laufen und sich daher gut mit KI angehen lassen.
- Die Systeme sind integrierbar. SAP, AS/400, ältere Warenwirtschaftslösungen — die meisten haben Schnittstellen (API, ODBC, Exports), die für KI-Integration ausreichen. Es muss nichts Neues aufgebaut werden.
- Die Förderkulisse passt. EFRE-Digitalisierungszuschuss (50 %, bis 60 000 Euro) finanziert genau die Projektgröße, die für einen Sondermaschinenbauer mit 30 bis 200 Mitarbeitern sinnvoll ist.
Maschinenbauer bauen die besten Maschinen der Welt — aber kein Betrieb baut nebenbei auch noch seine KI-Infrastruktur. Dafür gibt es Partner.
In unseren +15 Projekten haben wir im Maschinenbau insbesondere diese Fälle gesehen: Angebots-Agenten mit SAP-Anbindung (gespart: 80 Minuten pro Angebot), Technik-Wissens-Chatbots für Servicetechniker (gespart: 15 Minuten pro Suchanfrage), Ausschreibungs-Agenten für öffentliche Aufträge (gespart: 3 Stunden pro Ausschreibung), interne Wissens-Assistenten auf SharePoint-Basis.
Handlungsempfehlungen: Wie ein Maschinenbauer sauber startet
1. Die richtigen Use Cases finden
Nicht alle Prozesse eignen sich für den KI-Einstieg. Gut geeignet: hohe Wiederholrate, klare Inputs, messbare Outputs (z. B. Angebots-Erstellung). Schlecht geeignet: Prozesse mit unklaren Regeln, selten auftretenden Edge Cases, hoher Verhandlungsanteil.
2. Einen Partner mit Infrastruktur-Fokus wählen
Keine Agentur, die "KI-Strategie" verkauft. Sondern ein Team, das eigenständig lauffähige Systeme baut — und das System am Ende übergibt. Drei Prüffragen: Zeigt der Partner produktive Referenz-Systeme? Gibt es eine klare Team-Übergabe nach Projektabschluss? Ist die Preisstruktur Projekt-basiert oder Abo-basiert?
3. EFRE-Förderung von Anfang an einplanen
Der EFRE-Digitalisierungszuschuss deckt 50 % des Projekts bis 60 000 Euro. Das macht aus einem 80 000-Euro-Projekt ein 40 000-Euro-Projekt. Wichtig: Antrag vor Projektstart — kein Kauf, keine Anzahlung, kein unterschriebener Vertrag, bevor der Antrag bewilligt ist.
4. Interne Verantwortliche benennen
Auch wenn 95 % extern umgesetzt wird — ein interner "Owner" ist Pflicht. Meist Werkleitung, COO oder Geschäftsführung. 10–20 % der Arbeitszeit für die Projektdauer, nicht "nebenbei". Dieser Owner wird später auch Ansprechpartner für das übergebene System sein.
5. Team-Übergabe planen, nicht hoffen
Am Projektende: dokumentierte Betriebs-Anleitung, Admin-Zugänge beim Kunden, ein-bis-zwei-wöchige Übergabe-Schulung für das interne Team. Das ist der Punkt, an dem sich seriöse Partner von Lizenz-Anbietern unterscheiden.
Unser Take
Wir haben in +15 sächsischen Mittelstands-Projekten gelernt, dass die VDMA-Zahl nicht überrascht, sondern klüger ist, als sie klingt. "Externe Hilfe" ist keine Abhängigkeit — es ist ein Arbeitsteilung. Die Maschinenbauer liefern Prozess-Wissen, Branchen-Kontext und Systeme. Wir liefern KI-Architektur, Umsetzung und Übergabe. Nach Projektabschluss läuft das System beim Kunden, nicht bei uns.
Das ist kein Modell für zögernde Betriebe — es ist das Standardmodell der produktiven 15 % des deutschen Mittelstands (Bitkom 2025). Die VDMA-Zahlen zeigen nur, dass der Maschinenbau hier strukturell früher reifer ist als andere Branchen.
Häufige Fragen
Ja. VDMA-Umfragen 2019 und 2021: 95 Prozent der Maschinenbauer mit aktivem KI-Projekt nutzen externe Unterstützung. Die Zahl ist seither stabil.
Stand: April 2026 — die VDMA-Erhebungen werden regelmäßig aktualisiert. Die zitierten Panel-Zahlen stammen aus den Umfragen 2019 und 2021 sowie der Folge-Kommunikation der VDMA-Abteilung Software und Digitalisierung.