Wenn wir in Analysegesprächen über DSGVO und KI reden, kommt irgendwann die Frage: "Kann man das nicht auch einfach bei uns im Haus laufen lassen?" Die Antwort ist: Ja, man kann. Die wichtigere Frage ist: Sollten Sie? Und das hängt von drei Faktoren ab: wie sensibel Ihre Daten sind, wie hoch Ihr Nutzungs-Volumen ist, und wie stark Ihr IT-Team aufgestellt ist. In diesem Artikel ordnen wir On-Premise-LLMs für deutsche Planungsbüros ein.
Was On-Premise LLMs 2026 bedeutet
Ein On-Premise-LLM ist ein Sprachmodell, das auf Hardware läuft, die Sie selbst kontrollieren. Das kann der eigene Server-Raum sein, eine Colocation bei einem Rechenzentrums-Partner oder eine private Cloud. Der entscheidende Unterschied zur öffentlichen Cloud: Keine Anfrage verlässt Ihre Infrastruktur. Keine Daten an OpenAI, kein Umweg über amerikanische Server, kein CLOUD-Act-Risiko.
Damit das funktioniert, braucht es Modelle mit offenen Gewichten. Die proprietären Flaggschiffe (GPT-4, Claude Opus, Gemini 2.5 Pro) sind geschlossen und nicht on-premise verfügbar. Die Open-Source-Szene dagegen ist 2026 erstaunlich stark aufgestellt:
- Llama-Familie (Meta): die größte und am besten unterstützte Open-Weight-Familie. Verfügbar auf Hugging Face in diversen Größen von 7B bis 405B Parameter.
- Mistral / Mixtral (Mistral AI): der französische Champion mit exzellenter Mehrsprachigkeit, inklusive Deutsch.
- Qwen (Alibaba): die chinesische Familie, die in vielen Benchmarks auf Augenhöhe spielt.
- Gemma (Google): die kleineren, offenen Varianten aus Googles Gemini-Reihe.
- Deutsche Modelle aus dem Fraunhofer-Umfeld: Das Fraunhofer IAIS und andere Institute bauen domänenspezifische Modelle, die für bestimmte Branchen passgenau sind.
Die Modell-Übersicht bei Hugging Face listet mehrere zehntausend Varianten. Die Auswahl ist enorm, die Qualität sehr unterschiedlich. Wichtig: Open-Weight heißt nicht automatisch Open-Source im rechtlichen Sinn. Die Lizenzbedingungen variieren.
Wann es im Planungsbüro wirklich das eigene Gerät sein muss
Die üblichen Beispiele für hohe Sensibilität (Rüstung, Medizintechnik) treffen die wenigsten Büros. Ihre Fälle sehen anders aus, und es gibt sie:
- Vergabeunterlagen vor der Submission. Wer ein Leistungsverzeichnis vor dem Eröffnungstermin durch einen fremden Dienst schickt, hat ein Problem, das kein Auftragsverarbeitungsvertrag heilt.
- Sicherheitsrelevante Bauten. Justizgebäude, Polizeiliegenschaften, Umspannwerke, Rechenzentren. Dort steht die Geheimhaltung im Vertrag, nicht in der Datenschutzerklärung.
- Laufende Verfahren. Ein Gutachten, das noch nicht bei der Prüfstelle liegt, gehört nicht in eine fremde Infrastruktur.
Für alles andere (Bestandsakten, Protokolle, Korrespondenz mit dem Fachplaner) ist die saubere Auftragsverarbeitung der pragmatischere Weg.
Die Hardware-Frage
Für einen produktiven On-Premise-Betrieb brauchen Sie GPUs. Je nach Modell-Größe und Anforderung:
- Kleine Modelle (7B-13B) brauchen je nach Quantisierung grob 8 bis 24 GB Grafikspeicher. Das leistet eine einzelne Consumer-GPU (RTX 4090 oder vergleichbar) in einem einzelnen Rechner.
- Mittlere Modelle (30B-70B) brauchen grob 40 bis 80 GB Grafikspeicher, also mehrere GPUs oder eine Rechenzentrums-GPU (H100, A100).
- Große Modelle (>100B Parameter) brauchen mehrere hundert GB Grafikspeicher, verteilt über ein Multi-GPU-System oder mehrere Server.
Wie groß Ihr Server ausfallen muss, hängt also an drei Dingen: an der Modellgröße, an der Zahl gleichzeitiger Nutzer und an der Antwortzeit, die Sie erwarten. Dazu kommen Strom (ein H100-Server zieht 3-10 kW unter Last), Kühlung, Stellfläche, Wartung. Die deutschen Tech-Publikationen wie Heise berichten regelmäßig über die Beschaffungs-Hürden. Lieferzeiten für H100-GPUs lagen 2025 noch bei Monaten, haben sich 2026 stabilisiert.
Einordnung für sächsische Planungsbüros
In unseren über 15 Projekten gibt es drei Profile, bei denen On-Premise die richtige Wahl ist:
Profil 1: Hochsensible Daten. Rüstungszulieferer, Medizintechnik mit Patientendaten, Energie-Versorger mit kritischer Infrastruktur. Hier ist On-Premise kein Luxus, sondern oft Auflage oder strategische Notwendigkeit.
Profil 2: Hohes Volumen. Betriebe, die täglich tausende KI-Anfragen fahren (großer Kundenservice, Batch-Analyse von Verträgen, industrielle Qualitätskontrolle). Ab einer bestimmten Skalierung sind die wiederkehrenden Cloud-Kosten höher als die amortisierte On-Premise-Investition.
Profil 3: Regulatorische Vorgaben. Bestimmte Branchen oder Kunden-Verträge schließen Cloud-Lösungen aus. Das betrifft häufig öffentliche Auftraggeber, Banken in bestimmten Segmenten, oder Betriebe in Lieferketten der kritischen Infrastruktur. Das BSI liefert Orientierungshilfen, wie die Anforderungen für kritische Sektoren aussehen.
Für alle anderen Planungsbüros (das ist die Mehrheit) ist Cloud mit sauberer DSGVO-Auftragsverarbeitung die pragmatischere Wahl. Der Aufwand, eine Cloud-Lösung DSGVO-sauber aufzusetzen, ist deutlich geringer als der Aufwand, einen On-Premise-Betrieb aufzubauen.
Warum Cloud für 85 Prozent der Fälle reicht
Die DSGVO verlangt nicht, dass Daten in Ihrer physischen Infrastruktur liegen. Sie verlangt, dass die Verarbeitung rechtlich sauber geregelt ist: Auftragsverarbeitungsvertrag, angemessene Schutzmaßnahmen, EU-Hosting bei Bedarf, klare Löschkonzepte. Das alles leisten Anbieter wie Mistral, Azure OpenAI oder Anthropic Enterprise heute.
On-Premise ist kein automatischer Sicherheitsgewinn. Es ist ein strategischer Entschluss, der in wenigen, klar umrissenen Fällen der richtige Weg ist. Für die meisten Büros ist Cloud-DSGVO die pragmatischere Lösung.
Der größte Irrtum, dem wir begegnen: "Cloud ist unsicher, On-Premise ist sicher." Das ist falsch. On-Premise bedeutet: Sie tragen die Sicherheitsverantwortung selbst. Patching, Updates, Backups, Zugriffsmanagement, physische Sicherheit, Incident-Response. Ein schlecht betriebener On-Premise-Server ist weniger sicher als eine professionell betriebene Cloud-Instanz.
Praxis-Empfehlungen: Wie Sie die richtige Entscheidung treffen
1. Ehrlicher Sensibilitäts-Check
Welche Daten gehen wirklich ins Modell? Wenn es Marketing-Texte, Kundenservice-Mails, Projekt-Briefings sind, reicht Cloud. Wenn es Mandantenakten, Patientendaten, Konstruktionszeichnungen mit Exportkontroll-Relevanz sind, wird On-Premise zum Thema.
2. Volumen realistisch schätzen
Rechnen Sie Ihre erwarteten API-Anfragen pro Monat hoch. Ab etwa 50 000-100 000 Anfragen pro Monat auf großen Modellen beginnen sich On-Premise-Investitionen zu amortisieren, darunter fast nie.
3. IT-Kapazität realistisch bewerten
On-Premise-LLMs brauchen Betreuung. Wer keine eigene IT hat oder kein Budget für einen externen Partner, sollte bei Cloud bleiben. Das Fraunhofer IAIS bietet für bestimmte Branchen Beratungsangebote zur On-Premise-Evaluation.
4. Hybrid-Architekturen prüfen
Oft ist die beste Antwort nicht "entweder-oder", sondern "sowohl-als-auch". Sensible Daten laufen on-premise, unkritische in der Cloud, ein Gateway leitet die Anfragen. Das ist komplexer aufzusetzen, aber gibt maximale Flexibilität.
5. Förderung und Total Cost of Ownership rechnen
Der EFRE-Digitalisierungszuschuss kann auch Hardware für On-Premise-Vorhaben abdecken. Die Quote hängt an der Betriebsgröße, und die Höchstbeträge des Programms begrenzen die zuwendungsfähigen Ausgaben, nicht den Zuschuss. Bei Cloud sind es die Integrations- und Entwicklungskosten, die förderfähig sind. Rechnen Sie immer 3 Jahre Total Cost of Ownership. Dann kippt der Vergleich oft anders als beim ersten Preisschild. Fraunhofer bietet für größere Industrie-Projekte TCO-Studien.
Unser Take
Wir arbeiten mit beiden Welten. In über 15 Projekten läuft die große Mehrheit in der Cloud (EU-Hosting, DSGVO-Auftragsverarbeitung, oft Azure OpenAI oder Anthropic Enterprise). Zwei bis drei Projekte laufen hybrid, ein einzelnes rein on-premise. Das spiegelt die Realität: On-Premise ist die richtige Antwort für spezifische Szenarien, nicht die Default-Lösung.
Unser Rat: Lassen Sie sich nicht von der "Cloud ist böse"-Rhetorik treiben. Lassen Sie sich auch nicht von "Cloud ist immer günstiger"-Rhetorik treiben. Machen Sie den Sensibilitäts-Check, den Volumen-Check, den IT-Kapazitäts-Check, und entscheiden Sie dann. Wer bei mindestens zwei der drei Checks auf der "On-Premise-Seite" landet, sollte es prüfen. Wer bei allen drei auf der "Cloud-Seite" landet, sollte nicht künstlich in On-Premise investieren.
Häufige Fragen
Was bedeutet 'On-Premise LLM'?
Das Sprachmodell läuft auf Hardware, die Sie selbst kontrollieren: eigener Server, Colocation, private Cloud. Keine Daten verlassen Ihre Infrastruktur. Gegenteil ist Cloud-LLM.
Welche Modelle kann man on-premise betreiben?
Alle mit offenen Gewichten: Llama (Meta), Mistral und Mixtral, Qwen (Alibaba), Gemma (Google), DeepSeek, deutsche Fraunhofer-Modelle. Proprietäre Flaggschiffe (GPT-4, Claude Opus, Gemini) sind nicht verfügbar.
Was kostet On-Premise im Vergleich zur Cloud?
On-Premise heißt einmalige Hardware plus Strom, Kühlung und Wartung. Wie groß der Server sein muss, hängt an Modellgröße, Nutzerzahl und Antwortzeit. Cloud skaliert mit der Nutzung: für kleine Volumen günstiger, ab mittlerer Auslastung kippt die Rechnung.
Wann lohnt sich On-Premise für Büros?
Bei sensiblen Daten (Rüstung, kritische Infrastruktur, Medizintechnik), hohen Volumen (tausende Anfragen täglich), regulatorischen Vorgaben gegen Cloud. Sonst reicht Cloud-DSGVO.
Wie schwer ist der Betrieb?
Nicht trivial. Hardware, Setup, Updates, Monitoring, Security. Rechnen Sie mit einem Tag pro Monat plus externem Partner in kritischen Phasen. Ohne IT-Kapazität: bei Cloud bleiben.
Stand: April 2026. Die Hardware- und Modell-Landschaft verändert sich schnell. Wir aktualisieren diese Empfehlungen bei wesentlichen Verschiebungen.
